Klare Aussagen sind nicht überall geschätzt

von

Autorin: Elke Müller

Wir als Deutsche sind es gewohnt, Dinge klar beim Namen zu nennen, kurz und prägnant zu kommunizieren und mögen es gar nicht, wenn wir das Gefühl haben, unser Gesprächspartner ‘redet um den heißen Brei herum’. Unsere direkte Kommunikation wird jedoch nicht von allen internationalen Gesprächspartner geschätzt, sondern oft als ‘kühl’, als ‘verletzend’ wahrgenommen.

Edward Twitchell Hall (1914 – 2009), ein amerikanischer Anthropologe, machte als Soldat während des 2. Weltkrieges in Europa die Erfahrung, dass es große Unterschiede in der internationalen Kommunikation gibt. Diese Erfahrung gab den Anstoß, sich zeitlebens mit der Erforschung interkultureller Unterschiede zu beschäftigen.

Seine zentrale These geht davon aus, dass sich Missverständnisse zwischen Kulturen auf bestimmte Parameter begründen, die für alle Kulturen gelten. Um diese These zu untermauern, wertete Edward T. Hall gemeinsam mit seiner Ehefrau Mildred Reed Hall Artikel, Geschäftsberichte, Geschäftsverhalten, usw. aus, führte unzählige Interviews, vor allem mit internationalen Managern.

Aus diesen Forschungen leitete er unter Anderem folgende Kulturdimension ab: ‘High-Context-Culture’ und ‘Low-Context-Culture’. Dahinter verbirgt sich die Idee, dass sich hinter der gesprochenen Sprache und der Art des Ausdrucks viel mehr ‘ungesagte’ Informationen verbergen. Diese zusätzlichen Informationen nennt Edward T. Hall ‘Kontext’.

Für eine ‘Low-Context-Culture’ gilt: Das ‘Was’ gesagt wird, ist die Information. In einer ‘Low-Context-Culture’ kommt es dagegen sehr viel weniger auf das Was, sondern viel mehr aus das ‘Wie’ wurde die Information weitergegeben, oft spielt es auch eine Rolle ‘Wer’ kommuniziert.

Deutschland ist eine ‘Low-Context-Culture’, wie unsere skandinavischen Nachbarn auch. Zu den ‘High-Context-Cultures’ zählen unter Anderem die arabischen, die südeuropäischen Staaten und überwiegend der asiatische Kulturraum.

In einem Gespräch zwischen einem Deutschen und einem arabischen Geschäftspartner kann dieser Unterschied dazu führen, dass wir Gesagtes nicht verstehen oder glauben, von unterschiedlichen Gesprächspartnern unterschiedliche Antworten auf die gleiche Frage erhalten zu haben. Daraus wird der Schluss gezogen, die Antworten sind nicht ‘ehrlich’ und unbeständig oder unzuverlässig. Im Gegenzug empfindet der arabische Gesprächspartner unsere sehr direkte Art der Kommunikation als sehr ungeduldig, ja fast unhöflich.

Am deutlichsten tritt dieser Unterschied bei der Formulierung negativer Aussagen zu Tage. Während wir Kritik offen ansprechen, wird ein indirekt kommunizierender Asiate die Situation umschreiben und den eigentlichen Kritikpunkt, aus unserer Sicht, nicht bei Namen nennen. Für einen Deutschen bliebe der Kern der Aussage verborgen, ein asiatischer Kollege wäre betroffen über die für ihn deutlich zu hörende Missstimmung.

In den meisten ‘High-Context’-Kulturen gibt es kein klares ‘Ja’ oder ‘Nein’. So könnte ein ‘Nein’ gemeint sein, wenn die Frage mit einer Gegenfrage zu einem anderen Thema oder einer unverbindlich klingenden Umschreibung beantwortet wird.

Auch im gesamten angelsächsischen Rum wird indirekter kommuniziert. „Ich habe in dem abgelieferten Bericht die Aufstellung zu den Umsätzen mit Kunde XY nicht gefunden“ ist für einen britischen oder amerikanischen Mitarbeiter eine deutliche Kritik an seiner Arbeit. Nicht der Chef findet die Aufstellung nicht, sie ist gar nicht im Bericht enthalten! Wie hätten Sie es verstanden?

Elke Müller

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